Vier Gänge mit fünf Fragen
Business Lunch mit Markus Sandhöfner, Geschäftsführer B&R Deutschland
Montag, 28. November 2016
| Redaktion
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Markus Sandhöfner, Geschäftsführer B&R Deutschland
Markus Sandhöfner, Geschäftsführer B&R Deutschland, im Business Lunch Interview, Bild: Susanne Woggon, LMV-online.de

Automatisierungstechnik macht komplexe Produktionsprozesse beherrschbar und beschleunigt diese. B&R bietet der Lebensmittel- und Getränkeindustrie ein breites Produkt- und Lösungsangebot, u. a. von Antriebs, Prozessleit- und Sicherheitstechnik. lebensmittelverarbeitung-online.de sprach mit Markus Sandhöfner, dem Geschäftsführer von B&R Deutschland in diesem Zusammenhang über Industrie 4.0, den Vorteilen von Skalierbarkeit und den Vorzügen von standardisierten Softwarekomponenten.

1. Amuse Gueule
LMV-online.de: Herr Sandhöfner, Sie sind seit Anfang 2014 Geschäftsführer von B&R Deutschland. In den letzten beiden Jahren steigerte sich der Unternehmensumsatz zweistellig und liegt damit über dem Branchendurchschnitt. Wie sieht es im laufenden Jahr aus und wo sehen Sie die größten Wachstumstreiber für die Zukunft?

Laut der aktuellen VDMA-Statistik über den deutschen Maschinenbau haben die Hersteller im ersten Halbjahr 2016 einen leichten nominellen Umsatzrückgang verzeichnet. Wir sehen eine leichte Abkühlung. Nichts desto trotz: BR erzielt gegen diesen Trend weiterhin schwarzen Zahlen, d.h. wir wachsen weiter. Unser Wachstum generieren wir über die Nähe zu unseren Kunden und dank dieser Nähe gewinnen wir laufend neue Geschäftspartner dazu. Wir steigern mit jedem neuen Kunden das Vertrauen in unsere Produkte, immer mehr B&R Lösungen werden eingesetzt und so können wir unseren Umsatz steigern, selbst wenn das Umfeld leicht rückläufig ist.

Einer unserer Wachstumstreiber ist der weltweite Mittelstand. Wenn man China und die Schwellenländer betrachtet, wachsen die Mittelschicht und auch die Ansprüche an den Lebensstandard. Die Menschen fragen mehr Konsumgüter nach, somit steigt der Bedarf an Maschinen zur deren Herstellung. Ein Großteil dieser Maschinen wird in westlichen Ländern hergestellt, das ist eine riesige Chance für Automatisierer wie B&R, denn gerade in den Bereichen Lebensmittel, Verfahrenstechnik und Pharmazie sind wir sehr stark.

Ein anderer Wachstumstreiber ist der Wunsch nach Individualisierung in der westlichen Welt, der sich dann in Kaufentscheidungen niederschlägt. Diese individualisierten Produkte können dank neuer Fähigkeiten in Massenproduktion hergestellt werden. So entsteht über Digitalisierung, Individualisierung und Vernetzung der Trend zu zusätzlicher Fertigung in Europa vor Ort: nahe an Kunden und Konsumenten, nicht mehr als Massenware aus China. Das treibt das Geschäft von Automatisierern. Für diese angesprochene Vernetzung bedarf es auf die neuen Anforderungen zugeschnittene Anlagen, die immer modularer werden. Diese Modularität unterstützt B&R ganz hervorragend, und das treibt wiederum auch unser Wachstum in den Industrieländern an.

Hinzu kommt, dass Innovationen eine enorm wichtige Rolle für B&R spielen. Wir geben dreimal mehr Kapital für Forschung und Entwicklung aus als am Markt üblich. Das erlaubt uns, unser innovatives Potential voll auszuschöpfen, um schlussendlich für unsere Kunden Zeit und Geld einzusparen, beispielsweise über schnelle Inbetriebnahmen oder verkürzte Wartungen. Mit 16 Standorten in Deutschland sorgen wir für die eingangs erwähnte Kundennähe. Hier unterstützen wir unsere Geschäftspartner lokal und arbeiten eng bei der Projektentwicklung mit ihnen für kürzere Entwicklungszeiten zusammen.

2. Vorspeise
LMV-online.de: Wachstum ist ohne motivierte und gut ausgebildete Mitarbeiter nicht möglich. Passende Ingenieure sind allerdings Mangelware. Wie steuert B&R diesem Spannungsfeld entgegen?

Wir stellen fest, dass Hochschulabsolventen zwei Dinge brauchen, um bei B&R erfolgreich zu sein: Zum einen benötigen sie Automatisierungsverständnis für unsere Lösungen, zum anderen müssen sie wissen, wie Automatisierungsprodukte beim Kunden eingesetzt werden. Diese beiden Erfahrungen müssen zusammenkommen, dafür haben wir unser Engineering-Camp ins Leben gerufen. In drei Monaten vermitteln wir hier den Anfängern weltweit ein umfassendes Wissen in Theorie und Praxis für einen optimalen Start.

Auch wollen wir an den Hochschulen bekannter werden. Die Hälfte unserer Mitarbeiter sind Ingenieure, die im Vertrieb, in der lokalen Applikation gemeinsam mit den Kunden für Automatisierungskonzepte oder im Bereich Forschung und Entwicklung tätig sind. B&R fehlt es noch an Bekanntheit an den Universitäten und Hochschulen, deshalb haben wir vor zwei Jahren das „Education Network Team“ gegründet. Die Kollegen besuchen Hochschulen und technische Schulen, sie betreuen Ausbildungs- und Forschungsprojekte, um B&R bekannter zu machen. Zeitgleich verfolgen wir das Ziel, dass mehr Absolventen mit B&R Know How zu den Maschinenbauern gehen, was den Maschinen- und Anlagenbauern und uns die Zusammenarbeit erleichtert.

Generell ist uns wichtig, dass unsere Mitarbeiter stets auf dem neusten Stand sind. Wenn Innovationen in Forschung und Entwicklung vorbereitet werden, die auf den Markt kommen, müssen unsere Teams vor Ort mit den aktuellen Trends und Möglichkeiten vertraut sein. Deshalb investieren wir zehn Prozent der Arbeitszeit in Weiterbildung und Schulungen, sowohl intern als auch extern.

3. Zwischengang
LMV-online.de: In der Lebensmittelproduktion werden Individualisierung, z.B. bei der Verpackungs- und Kennzeichnungstechnik, sowie kleine Losgrößen immer wichtiger. Wie unterstützt B&R diesen Trend und haben Sie ein aktuelles Beispiel für unsere Leser?

Der Trend zu Individualisierung ist in jedem Supermarkt sichtbar, es gibt nicht mehr nur die eine Packung, sondern immer mehr individualisierte Produkte. Der Anbieter „My Müsli“ ist so ein Beispiel. Über das Internet kann der Konsument sich sein Lieblingsmüsli zusammenstellen. Dafür werden Daten digital übertragen. Die Maschinen benötigen hier eine Datenankopplung und müssen sehr flexibel sein, um diese Daten in Rezepte umzusetzen. Individuelle Mischungen, unterschiedliche Verpackungsgrößen und Etiketten werden bereitgestellt. Zudem wird im Anschluss über ein Kamerasystem mit Bilderkennung verifiziert, dass die Konfiguration des Produktes auch der Bestellung entspricht.

In der Lebensmittelproduktion werden die Produktionschargen bis hin zu Losgröße 1 immer kleiner. Daher bedarf es einer exzellenten Datenverarbeitung und immer schnelleren Koordination der Bewegung in einer Anlage. Wenn wir in Richtung Flaschenabfüllung oder Tablettenpressen gehen, werden bis zu 100.000 Produkte pro Stunde gefertigt. Das entspricht 30 Millisekunden Zykluszeit pro Produkt für den kompletten Herstellungsprozess inklusive Produzieren, Formen und Abfüllen. Hier müssen Daten, Bewegungen, Sensorik und Analyse von Füllständen sowie Detektionen sehr schnell verarbeitet werden. Die nötigen Zykluszeiten liegen unter einer Millisekunde, was unsere Steuerung angeht. Auch die Kommunikation in den Anlagen muss diese Geschwindigkeiten unterstützen. Bei B&R wird dies durch den Einsatz des offenen Netzwerk Powerlink, das für Industrie 4.0 benötigt wird, erreicht.

Hardware, Software und Kommunikationsmöglichkeiten von B&R sind darauf abgestimmt, ultraschnelle Prozesse, die der Markt fordert, zu erlauben. In dem sehr kleinen Zeitfenster von 30 Millisekunden pro Produkt müssen alle Daten über Steuerung und Kamerasystem verarbeitet werden und diesem einen, ganz bestimmten Produkt zugeordnet werden. Dies gelingt über eine deterministische Kopplung zwischen dem Steuerungssystem für eine genaue Synchronisierung der Antriebe und gleichzeitig auch der Kamera, die ihre Signale an die Steuerung deterministisch weitergibt. B&R ist bei diesem Prinzip ein Vorreiter und hat hier weltweit die erste Ankopplung einer deterministischen Steuerung an eine Kamera zusammen mit Cognex über Powerlink realisiert. Es kommt auf die genaue Synchronisation an. Sie startet bei der Informationsverarbeitung für das richtige Rezept für das gewünschte Produkt, geht über die Antriebe weiter, damit das richtige Produkt zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle ist. Auch die Qualitätssicherung ist entscheidend. Hier unterstützt B&R über standardisierte Schnittstellen die Verknüpfung an SAP oder andere Systeme.

Digitalisierung ist entscheidend, sie ermöglicht hier die Nachverfolgbarkeit der individuellen Produkte. Über die rückgeführten Informationen kann jedes einzelne Produkt bei auftretenden Qualitätsproblemen mühelos verifiziert werden, denn die Daten sind in einer Datenbank abgelegt. Seit Jahren arbeitet B&R mit der Pharmaindustrie zusammen, wo höchste Anforderungen gelten, auch für Fälschungssicherheit oder Nachverfolgbarkeit im Falle eines Produktrückrufes. Diese Erfahrungen können wir für Bereiche wie die Lebensmittelindustrie und Getränkeherstellung transferieren und Synergien nutzen.

4. Hauptgang
LMV-online.de: Inwieweit profitieren Maschinenbauer und Lebensmittelhersteller konkret von Ihren Lösungen „Mapp“ und Scalability+“?

Mit „Scalability+“ ermöglichen wir unseren Kunden, einmal geschriebene Software auf jegliche B&R-Hardware aufzuspielen und so ein beliebige Kombination aus existierender Software und jetziger als auch zukünftiger Hardware zu realisieren. Wenn man den Gesamtentwicklungsaufwand von Maschinen betrachtet, dann liegt der Software-Anteil heutzutage bei mehr als 50 Prozent. Software übernimmt immer mehr Funktionen wie Bedienen oder Überwachen, die die Hardware früher geleistet hat. Es gilt, die Software-Entwicklungsleistung kompakt zu halten, aber diese Software muss trotzdem für alle Komponenten passen.

Die dazu passende Hardware muss skalierbar sein, sich auf zum Beispiel geringere Anforderungen anpassen und vom Preis attraktiver sein. Dieselbe, einmal geschriebene Software soll dann zukünftig auch für eine hochwerte Maschine einsetzbar sein, die beispielsweise eine schnellere Zykluszeit realisiert, mit vielen Antrieben verbunden werden kann und schnellere Synchronisierung erlaubt. Beispielsweise kann so mit demselben Code ein hochwertiger Servomotor genutzt werden, aber auch günstigere Schrittmotor im Austausch. Mit dieser Übertragbarkeit wird der Softwareaufwand möglichst klein gehalten. Die Entwicklungszeiten werden verringert.

Um den Aufwand der Softwareentwicklung und damit die Gesamtentwicklung zusätzlich zu verkürzen, helfen wir, die Programme möglichst schnell zu schreiben. Das erreichen wir über die „Mapp“-Technologie. Dahinter verbergen sich modulare Software-Komponenten, die standardisierte Funktionen beinhalten. Die Logik hinter diesen Funktionen wird hier von B&R geliefert, ebenso werden Visualisierungsinhalte für das Bedienen und Beobachten zur Verfügung gestellt. So lässt sich der heutige Aufwand der Softwareentwicklung um zwei Drittel verringern. Die Standardkomponenten sparen Zeit und sichern Qualität durch Erfahrungen im Einsatz. Zudem sind sie dank standardisierten Komponenten beherrschbar, so dass sich im Nachgang auch der Wartungsaufwand deutlich verringert. Derzeit bieten wir 150 standardisierte Komponenten, die wir kontinuierlich ausbauen.

5. Dessert
LMV-online.de: Es heißt „andere Länder, andere Sitten“. Sie haben als gebürtiger Baden-Württemberger mehrere Jahre u. a. in den USA und in Eggelsberg in Österreich gearbeitet. Nun steuern Sie aus Bad Homburg in Hessen B&R Deutschland. Was schätzen Sie hier - vielleicht auch kulinarisch - am meisten?

Ich mag es gerne frisch und koche auch gerne, am liebsten zusammen mit meiner Frau. Von überall habe ich mir etwas mitgenommen. Zum Beispiel mexikanisches Essen, das wir erst in den USA schätzen gelernt haben und nun hier schön scharf mit frischem Gemüse zubereiten. Oder aus Österreich die deftige Küche, hier besonders das Kernöl aus der Steiermark. Und in Hessen schmeckt mir besonders grüne Soße mit Kartoffeln und Schnitzel, es darf aber auch mal ein „Handkäs mit Musik“ sein. Letztendlich mischen wir gerne, beispielsweise Österreich mit Hessen, also Handkäs mit Kernöl. So wandeln wir lokale Küche in internationale um.

Über das kulinarische hinaus habe ich mir auch bei den Menschen jeweils etwas abgeschaut. So sind die Amerikaner im Geschäftsleben gut darin, Beziehungen aufbauen, wo in Deutschland der Einstieg eher über Technologie stattfindet. Die Kollegen in Eggelsberg in Österreich zeichnen sich als Freidenker aus und lassen so ihre Erfahrungen auf dem Weg in Produktentwicklungen mit einfließen, statt sich an starre Muster zu halten. Diese Kreativität schlägt sich im agilen Entwickeln, gemeinsam mit den Kunden, für schnelle Lösungen nieder. Dies trägt so zu unserem Erfolg bei.

Herr Sandhöfner, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch!

Über Markus Sandhöfner
Nach seinem Maschinenbaustudium war Markus Sandhöfner als Großkundenbetreuer, Produkt- und Branchenmanager in der elektromechanischen Antriebstechnik beschäftigt. Seit 2001 ist bei Bernecker + Rainer Industrie-Elektronik GesmbH, kurz B&R, tätig. Von 2002 an war der Diplomingenieur über fünf Jahre für den Ausbau und den Vertrieb der B&R US-Tochtergesellschaft in Atlanta verantwortlich. Vom Stammhaus im österreichischen Eggelsberg aus übernahm er 2008 als International Sales Manager Aufgaben im Bereich internationalem Vertrieb. 2009 wurde Sandhöfner als Mitglied der Geschäftsleitung in Deutschland mit Aufgaben der Strategischen Geschäftsentwicklung betraut.
 

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