Business Lunch mit Ralf Drews (CEO) und Alexander Mildner (Director R&D) bei Greif-Velox

Vier Gänge mit fünf Fragen

Alexander Mildner & Ralf Drews von Greif-Velox im Interview mit lebensmittelverarbeitung-online.de

Maschinen-und Anlagenbauer Greif-Velox bietet Absackanlagen, Palettierroboter und Abfüllanlagen für die Nahrungsmittelproduzenten und stellt an seine Produkte hohe Anforderungen in Bezug auf Ressourcensparsamkeit. lebensmittelverarbeitung-online.de sprach auf der Anuga Foodtec 2018 mit CEO Ralf Drews und R&D-Leiter Dr. Alexander Mildner über Denkanstöße zu bislang ungehobenen Effizienzpotentialen für Lebensmittelhersteller, die Vorzüge von Industrie 4.0 angefangen bei Predictive Maintenance bis hin zu neuen, radikalen Prozessmöglichkeiten sowie Backöfen, die Wlan haben.

1. Amuse Gueule

LMV-online.de: Die Anuga Foodtec ist die internationale Leitmesse für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Greif-Velox ist zum ersten Mal mit einem Stand vertreten. Welchen Stellenwert hat die Messe für Ihr Unternehmen und mit welchen Erwartungen sind Sie hergekommen?
Ralf Drews: Wir sind traditionell schon immer sehr stark für die Chemieindustrie tätig gewesen und genieren aktuell weltweit rund 70 Prozent unseres Geschäftes in diesem Bereich. Als zweiter Fokusmarkt steigt die Bedeutung der Lebensmittelbranche kontinuierlich. Hier sind wir in den letzten Jahren erfolgreich gewachsen, Beispiele finden sich insbesondere etwa für die Mehl- oder Kakaoabfüllung oder auch bei Industrie- und Lebensmittelstärke. Das ist ein Bereich, der in den technischen und regulatorischen Anforderungen außerordentlich gut zu uns und unseren Fähigkeiten passt. Mit dieser Diversifizierung unserer Märkte stellen wir unser Unternehmen auf eine stabile Basis: Wenn sich die Chemiebranche in einem Tief im Investitionszyklus befindet, haben wir mit der Lebensmittelbranche als Wachstumsmarkt ein weiteres starkes Standbein. So sind wir das erste Mal hier auf der Messe und sind ganz gespannt, was die nächsten Tage noch für uns bringen.

2. Vorspeise

LMV-online.de: Das Topthema der Anuga Foodtec 2018 lautet Ressourceneffizienz. Welchen Beitrag leistet Greif-Velox zu diesem Thema?
Alexander Mildner: Als Verbraucher von Ressourcen arbeiten wir intensiv daran, dass wir die Ansprüche unserer Kunden erfüllen. Hilfreich ist es, nicht immer linear zu denken, sondern auch mal um die Ecke. Dazu beraten wir unsere Kunden mit Blick auf die steigenden regulatorischen Anforderungen beispielsweise hinsichtlich Hygienic Designs oder Containments. So möchten wir ihnen neue Denkanstöße für Ressourcen- und Energieeffizienz liefern, um Lösungen zu schaffen, die steigende Ansprüche und wirtschaftliche Ziele verbinden. Dazu haben wir beispielsweise den Kesselauslauf unseres Brutto-Pneumatikpackers BVP zum Abfüllen von Pulvern und feinkörnigen Produkten optimiert, um unnötigen Produktverbrauch und die Reinigungszeit zu reduzieren.

Ralf Drews: Besonders für Lebensmittelhersteller wie Stärkeproduzenten, die tatsächlich fünf bis sieben Mal am Tag Produktwechsel vornehmen, spielt das eine große Rolle. Da werden verschiedene Stärken abgefüllt - aus unterschiedlichen Silos, in diversen Verpackungsgrößen für verschiedene Kunden. Da ist es wichtig, dass der Wechselprozess effizient stattfindet.

3. Zwischengang

LMV-online.de: Effiziente und automatisierte Prozesse spielen auch beim Thema Industrie 4.0 und IoT eine tragende Rolle. Wie erfüllt Greif-Velox die Ansprüche und Wünsche der Kunden nach Digitalisierung und Vernetzung?
Alexander Mildner: Wir betrachten die Digitalisierung entlang zweier Pfade: zum einen entlang der Wertschöpfungskette beim Kunden, die das Produkt durchläuft und zum anderen in der Maschine selbst. Hier sehen wir große Potentiale in Bezug auf Automatisierung und der Hebung von Prozesseffizienz. Diese bedienen wir durch eine weitere Digitalisierung unserer Maschinen. Indem wir sie weiter sensorisch ausstatten, erhalten wir transparente Maschinen, die ihren Status reporten, sich rechtzeitig melden, bevor Teile ausgetauscht werden müssen und zudem entlang des Prozesses miteinander kommunizieren. Zudem ist Greif-Velox in der Regel selbst Systemintegrator. Wir liefern Full-Line-Gesamtsysteme für das Produkthandling bestehend aus mehreren Stationen „zwischen Silo und LKW/Container“, die vorne und hinten wieder Schnittstellen zu den umgebenden Systemen haben. Durch eine vollständig digitale Abbildung dieser Cyber-physikalischen Systeme lassen sich die Komplettlösungen sehr transparent darstellen sowie flexibel und exakt in kundenseitige Produktionsprozesse einbinden. Zusammengefasst: Transparenz und Prozesseffizienz sind der Schlüssel zum Erfolg.  

Sollte der Lebensmittelhersteller Probleme in seinem Produktionsprozess feststellen, können wir die Maschinen durch die sensorische Vollüberwachung von extern sowohl steuern als auch überwachen. Über Remote Services schalten wir uns nach Kundenfreigabe auf die Produktionssysteme und können aus der Ferne den Maschinen- und Produktionsstatus abfragen. Die Produktion ist immer von vielen Prozessparametern abhängig. Wenn sich beispielsweise bei einem Produkt die Restfeuchte ändert, hat der Kunde nicht immer die Experten als Bediener an der Anlage stehen, die genau wissen, welche der hundert Parameter nachzuregeln sind, um eine optimale Leistung herauszuholen. Mit unserer Expertise können wir aus der Ferne die Anlagen-Parameter anpassen und die maximale Leistung herausholen. Remote Services sind also nicht nur für den Fehlerfall, sondern auch für die Hebung von Effizienzpotentialen. Wir müssen nicht zum Kunden hinreisen, um Prozesse in den Griff zu kriegen, sondern können zeitnah Hilfestellung leisten, ohne dass es zu langen Prozessstillständen oder Fehlproduktionen kommt.

In diesem Bereich hilft uns auch Predictive Maintenance: Das fängt auf einem sehr niedrigen Level an für die Bestimmung der Lebensdauer einzelner Teile, geht über lernende Prozesse, in denen das System auf Basis der Erfahrung die Lebensdauer von Verschleißteilen antizipiert, bis hin zu komplexeren Anwendungen, bei denen man mehrere Daten zusammenbringen muss. Wenn beispielsweise hier der Motorstrom steigt und sich gleichzeitig ein Prozess verlangsamt, dann muss man die Daten gemeinsam betrachten, um auf den Verschleiß anderer Teile zu schließen. Plus den ganzen dahinter geschalteten logistischen Teil, den wir erfüllen.

4. Hauptgang

LMV-online.de: Wie wird sich das Thema Ihrer Meinung nach in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiterentwickeln?
Alexander Mildner: Ich glaube, wir haben gerade erst angefangen. Wir werden sicherlich auch weiterhin noch Absackmaschinen und Produkthandling-Systeme brauchen, weil wir in der Food-Industrie einen stetig wachsenden Markt haben. Aber wir können sehr stark die Potentiale weiter ausbauen und heben. Meine Vision ist auf der einen Seite über den kompletten Produktlebenszyklus digitalisierte Systeme wie ein digitaler Zwilling, der zeigt, was die Maschine alles kann noch bevor sie in der Produktionshalle steht. Und auf der anderen Seite werden die vollständigen Wertschöpfungsketten keine starren Ketten mehr sein, sondern Netzwerke, die sich tatsächlich selbst optimieren und Effizienz realisieren. So werden sie am Ende gesamtwirtschaftlich perfekt arbeiten statt sich spezifisch nur auf eine Institution zu beziehen.

Wir versuchen immer vorne am Ball zu bleiben. Hinsichtlich digitaler Zwillinge ist der Prozess der digitalen Produkterstellung und Simulation schon vor Jahrzehnten mit CAD gestartet. Es geht weiter mit Simulationen über Fluid-Analysen, die zeigen, ob Bauteile halten und wie lange, welche Leistung erreichbar ist. Richtig interessant wird es bei der funktionalen Beschreibung: Wie bewegen sich die Medien, Gebinde und Maschinen, wie verhalten sie sich im Kontext zueinander und auch mit dem Bediener und dem Produkt – gesamtindustriell sehen wir hier ein großes Potenzial.

Ralf Drews: Wir wissen natürlich, dass der Maschinen- und Anlagenbau nicht gerade der Pace Maker ist, was Digitalisierung angeht. So lassen wir uns von Ideen aus anderen Industrien inspirieren und adaptieren diese Dinge, die andernorts schon gut funktionieren. Unsere Branche ist insgesamt relativ konservativ, aber von der Automobilindustrie bis zur Consumer-Branche suchen wir uns aus allen Welten das Beste zusammen. Für das Feld der Produktionsoptimierung haben die Autobauer die Nase weit vorne. In Richtung Human Interface, User Experience ist die Consumer-Industrie führend.

Auch unsere wertvollen Endkunden beteiligen wir an diesem Prozess. Viele haben unter der Überschrift Digitalisierung und Industrie 4.0 Ambitionen, verfolgen ihre Agenda, aber fragen gleichzeitig Greif-Velox, was machbar ist. So arbeiten wir unter anderem mit verschiedenen großen Kunden insbesondere aus der chemischen Industrie sehr eng rund um Industrie 4.0 zusammen: Wir liefern die Technologie, der Kunde produziert und so lassen sich die Herausforderungen in ganz neue Ideen transformieren, die mal radikal sind, manchmal aber auch inkrementell. Beides passt unter 4.0 und führt am Ende zu Verbesserungen im Produktionsprozess - einmal von der Technologieseite, aber auch als kundenorientierte Problemlösung. Generell sehen wir ein hohes Maß an Ratlosigkeit, aber gleichzeitig Aufbruchsbereitschaft und diese wollen wir nutzen.

5. Dessert

LMV-online.de: Zum Abschluss eine private Frage: Haben Sie bereits IoT-Anwendungen wie einen smarten Kühlschrank, einen digitalen Assistenten oder einen Staubsaugerroboter bei sich zuhause? Und was halten Sie davon?
Ralf Drews: Ich hab noch kein System wie Alexa bei mir zuhause, habe das aber bei Freunden im Einsatz gesehen und war ganz erstaunt, was das alles kann. Aber wenn man darüber nachdenkt, dass im Hintergrund wirklich alles registriert wird, ist mir dieser Gedanke nicht so recht. Wir haben jetzt einen Backofen, der am Wlan hängt – da kann man die Pizza schon von unterwegs aus fertigbacken – ein echter Vorteil. Mein Kollege hier ist da deutlich besser ausgestattet.

Alexander Mildner: Wir haben zuhause Alexa und den Fire TV und können darüber unseren gesamten Medienkonsum abbilden und steuern. Demnächst integrieren wir unsere Heizungen darin, die sich bislang nur über das Smartphone steuern lassen, aber noch nicht mit Alexa verknüpft sind. In meiner Freizeit engagiere ich mich in der offenen High-Tech-Werkstatt Fablab Lübeck, da zerlegen wir aktuell Staubsaugerroboter und schauen, was sich daraus machen lässt. So statten wir diese mit deutlich mehr Sensoren aus, um noch gründlicher Staub zu saugen. Einer hat ein Mähwerk bekommen, der wird dann ein Rasenmäher. Aus einem anderen machen wir eine Bedienung mit Gesicht und Tablett. Es gibt verschiedenste witzige Ideen, die wir hier umsetzen wollen. Mal sehen, was sich daraus noch alles ergibt und uns die Zukunft so bringt.

Herr Drews und Herr Mildner, wir danken Ihnen für das spannende und informative Gespräch!

Über Ralf Drews

Nach seinem Studium der angewandten Physik startete Ralf Drews seine Laufbahn in der Entwicklungsabteilung bei Dräger in Lübeck. In dieser Funktion hat er mehrere Management Development Programme durchlaufen, bevor er im Jahr 2000 die Leitung der globalen Forschung und Entwicklungsabteilung übernahm. 2008 zog Herr Drews mit seiner Familie nach Pittsburgh/USA, um dort die Vertriebsregion Nafta der Dräger Safety als CEO zu leiten. 2012 ging es schließlich zurück nach Deutschland, um als Geschäftsführer der Firma Faro im Süden tätig zu werden. Seit Ende 2015 ist Herr Drews Geschäftsführer der Greif-Velox Maschinenfabrik in Lübeck.

Über Dr. Alexander Mildner

Nach seinem Maschinenbaustudium widmete sich Dr. Alexander Mildner der Konstruktion und dem Projektmanagement im Bereich Elektromobilität und Flugzeugbau bei der 3D Contech GmbH in Hamburg. 2013 wechselte er in die Forschung und Entwicklungsabteilung der Unitransferklinik Lübeck, um dort an IoT Projekten und systematischer Produktentwicklung in verschiedenen Disziplinen zu arbeiten und seine Promotion in der Systemvernetzung zu verfassen. Während dieser Zeit gründete er unter anderem das Fablab Lübeck, eine offene Hightech-Werkstatt, in welcher er sich nach wie vor privat engagiert. Seit April 2017 ist er schließlich als Leiter für Forschung und Entwicklung bei der Greif-Velox Maschinenfabrik tätig und bringt hier seine Erfahrung in IoT und Entwicklungsprozessen in die Entwicklung von Produkthandlingsystemen ein.