Prozessstabilität als Schlüssel zur Automatisierung
Kryogene Kältetechnologie sichert Automatisierung in der Lebensmittelproduktion physikalisch ab
Donnerstag, 12. März 2026
| Redaktion
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Kryogene Kältetechnologie: Der Cryo Tunnel CFP ermöglicht die kurzfristige Oberflächenstabilisierung temperaturempfindlicher Produkte und erhöht so die Reproduzierbarkeit automatisierter Prozessschritte
Kryogene Kältetechnologie: Der Cryo Tunnel CFP ermöglicht die kurzfristige Oberflächenstabilisierung temperaturempfindlicher Produkte und erhöht so die Reproduzierbarkeit automatisierter Prozessschritte, Bild: Air Liquide

Steigende Automatisierungsgrade, strengere Hygieneanforderungen und der anhaltende Fachkräftemangel erhöhen den Druck auf Produktionsprozesse. Gleichzeitig zeigt sich: Nicht die Automatisierungstechnik begrenzt die Leistungsfähigkeit, sondern instabile physikalische Prozessbedingungen. Kryogene Kältetechnologie schaffen stabile Prozessbedingungen dort, wo Produkteigenschaften automatisierte Abläufe begrenzen.

In der Praxis entstehen Leistungsgrenzen selten durch fehlende Technik, sondern an Übergängen zwischen einzelnen Prozessschritten. Produkte, deren Eigenschaften stark von Temperatur und Oberflächenzustand abhängen, reagieren besonders sensibel auf Abweichungen. Vor allem nach thermischer Behandlung oder Beschichtung wie beim Marinieren oder Panieren sinkt die Prozessstabilität deutlich. Greifsysteme arbeiten unzuverlässig, Fördertechnik verschmutzt, Dosierprozesse verlieren an Genauigkeit. Schon geringe Abweichungen führen zu Stillständen oder manuellen Eingriffen.

Entscheidend ist daher nicht das nachträgliche Korrigieren von Störungen, sondern die gezielte Stabilisierung jener Prozessschritte, in denen Produkte ohne manuelle Eingriffe gehandhabt werden, etwa beim Greifen, Portionieren oder Verpacken. Genau an diesen prozesskritischen Punkten setzen kryogene Prozesslösungen an.

Prozessfenster gezielt durch kryogene Kältetechnologie stabilisieren

Kryogene Kältetechnologie dient hier nicht der klassischen Kühlung, sondern der gezielten Konditionierung physikalischer Eigenschaften. Statt Produkte vollständig herunterzukühlen, werden kurze, präzise Kälteimpulse eingesetzt. Sie stabilisieren Oberflächen oder homogenisieren Produktströme. Die Kerntemperatur bleibt weitgehend unbeeinflusst. So entstehen reproduzierbare Bedingungen für nachgelagerte Prozesse.

Cryo Tunnel: Oberflächenstabilisierung in Sekunden

Der Cryo Tunnel CFP von Air Liquide wird gezielt an prozesskritischen Punkten innerhalb automatisierter Prozesse eingesetzt, etwa vor robotergestütztem Greifen, Portionieren oder Verpacken. Er arbeitet mit flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsuis. Dieser wird über ein spezielles Transportband sowie zusätzliche Sprüheinheiten kontrolliert auf das Produkt aufgebracht. Ziel ist kein Durchfrieren, sondern ein kurzes Anfrosten der Produktoberfläche. Der schnelle Wärmeentzug stabilisiert die Oberfläche, während die Kerntemperatur weitgehend unverändert bleibt. Für nachgelagerte Prozessschritte entsteht ein klar definiertes Prozessfenster. Die Auslegung erfolgt auf Basis konkreter Produkttests. Temperaturprofile, Verweilzeiten und Linienintegration werden gemeinsam bewertet, um den Cryo Tunnel exakt auf den jeweiligen Prozess abzustimmen.

Typische Einsatzfelder sind Produkte nach thermischer Behandlung oder Beschichtung. Durch die gezielte Oberflächenkonditionierung entstehen formstabile und reproduzierbare Bedingungen für automatisiertes Portionieren und Verpacken, ohne zusätzliche Kühlstufen oder Zwischenlagerung. Auch bei marinierten oder feuchten Produkten reduziert die Stabilisierung Anhaftungen, erleichtert das Greifen und verringert Verschmutzungen an Fördertechnik und Verpackungsmaschinen. Manuelle Prozessschritte lassen sich reduzieren, Linienleistungen stabilisieren oder sogar erhöhen. Im Linienlayout übernimmt der Cryo Tunnel die Funktion eines Puffers zwischen variabler Produktbeschaffenheit und hochgetakteter Automatisierung. Rezepturen bleiben unverändert, Prozessgeschwindigkeiten müssen nicht reduziert werden.

Zip Roll: Gleichmäßige Zuführung für präzise Dosierung

Während der Cryo Tunnel punktuelle Übergaben absichert, adressiert der Zip Roll die reproduzierbare Zuführung loser oder rollender Produkte vor Dosier- und Verpackungssystemen. Er basiert auf einer perforierten, rotierenden Trommel, in der Produkte kontinuierlich bewegt und voneinander separiert werden. Die Rotation sorgt dafür, dass jedes Produktstück gleichmäßig exponiert wird und definierte Fließeigenschaften entstehen. Gleichzeitig wird gezielt kryogene Kälte eingebracht, mit flüssigem Stickstoff oder tiefkaltem Kohlendioxid. Die schnelle Oberflächenkonditionierung verhindert ein Verkleben oder Verklumpen einzelner Stücke und stabilisiert den Produktstrom. Für Mehrkopfwaagen oder Abfüllsysteme entsteht so eine homogene und kontinuierliche Zuführung. Gerade bei hohen Durchsätzen entscheidet diese Gleichmäßigkeit über Dosiergenauigkeit, Taktstabilität und Gesamtanlageneffizienz.

Der Zip Roll ist kein klassischer Froster und ersetzt bei diesem Anwendungsfall keine vollständige Tiefkühlung. Er übernimmt eine definierte Funktion innerhalb des Automatisierungskonzepts, dort, wo Vereinzelung, Fließverhalten und reproduzierbare Zuführung die Leistungsfähigkeit der Linie bestimmen.

Kryogene Kältetechnologie: Integration in bestehende Prozessumgebungen

Viele Produktionslinien sind über Jahre gewachsen. Ein grundlegender Umbau ist häufig nicht realistisch. Ein wesentlicher Vorteil der kryogenen Technologien von Air Liquide liegt daher in ihrer modularen Integration. Cryo Tunnel und Zip Roll werden gezielt dort eingebunden, wo innerhalb der Prozesse Instabilitäten auftreten. Rezepturen bleiben unverändert, Geschwindigkeiten müssen nicht reduziert werden. Kritische Prozessfenster werden gezielt abgesichert. Gleichzeitig ermöglicht die punktuelle Anwendung kryogener Kälte eine bedarfsgerechte Energienutzung, da ausschließlich prozesskritische Bereiche konditioniert werden.

Ausblick: Prozessstabilität durch kryogene Kältetechnologie 

Mit steigenden Automatisierungsgraden wird Prozessstabilität zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Maßgeblich ist nicht der Automatisierungsgrad einer Linie, sondern ihre Reproduzierbarkeit im laufenden Betrieb. Kryogene Technologien wie der Cryo Tunnel und der Zip Roll schaffen die physikalischen Voraussetzungen dafür. Prozesskälte wird nicht mehr als reines Kühlmedium verstanden, sondern als aktives Instrument zur Gestaltung stabiler Produktionsbedingungen.

Air Liquide verbindet Kälte, Anwendungstechnik und Prozessverständnis zu einem integrierten Ansatz, von ersten Produkttests über die Auslegung bis zur stabilen Einbindung in bestehende Produktionsumgebungen. Ziel sind dauerhaft beherrschbare Prozesse unter realen Produktionsbedingungen, auch bei steigender Komplexität und zunehmender Automatisierung.

Autor

Ansgar Rinklake
Market Manager Food & Pharma, Air Liquide

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