Business Lunch mit Dr.-Ing. Johannes Lottermann von Rembe über Explosionsschutz in der Lebensmittelindustrie

Vier Gänge mit fünf Fragen

Dr.-Ing. Johannes Lottermann, Director Explosion Safety bei Rembe

„Safety first“ – das gilt vor allem in der Verarbeitung von Lebensmitteln. Diese sollen nicht nur für den Verbraucher sicher sein, sondern auch sicher hergestellt werden. Die Produktion von Nahrungsmitteln bedarf darum sicherer Lösungen rund um den Explosionsschutz, gerade wenn staubige Schüttgüter wie Mehl, Kakao oder Milchpulver verarbeitet werden. lebensmittelverarbeitung-online.de sprach auf der Powtech 2019 mit Dr.-Ing. Johannes Lottermann, Director Explosion Safety von Rembe, über Sicherheit im Produktionsprozess, Sicherheit ohne Wettbewerbsherausforderungen und auch die Sicherheit beim Bungee-Springen, die dem Nervenkitzel ein gutes Gefühl verleiht.

1. Amuse-Gueule

LMV-online.de: Herr Lottermann, Rembe zeigt auf der Powtech rund um Explosionsschutz ein umfangreiches Produktportfolio, das in der Lebensmittelverarbeitung zum Einsatz kommt. Was bieten Sie konkret Ihren Kunden aus der Nahrungsmittelbranche?
Gerade in der Lebensmittelherstellung ist die Verwendung brennbarer Stäube bedingt durch die Verwendung organischer Produkte, wie beispielsweise Kakao, Zucker und Milchpulver, Stärke, Getreide, gang und gäbe. All diese Rohstoffe, die hier eingesetzt werden, sind von Natur aus brennbar. Dementsprechend führen sie potenziell zu explosionsfähigen Atmosphären. Da sich Zündquellen in vielen Prozessen nicht vermeiden lassen, bieten wir für unsere Nahrungsmittel-Kunden konstruktiven Explosionsschutz: Das sind Lösungen, die die Auswirkung einer Explosion auf ein akzeptables Maß minimieren. Sie werden so ausgeführt, dass sie im normalen Prozessalltag fast gar nicht in Erscheinung treten. Das ist vergleichbar mit dem Airbag im Auto. Den sieht man nicht, aber weiß, dass er da ist. Auch eine Berstscheibe von Rembe, die in einer Lebensmittelanlage eingebaut ist, soll den Prozess und die Produktqualität nicht stören.

Vor dem Hintergrund haben wir unter anderem die Berstscheibe „EGV HYP“ entwickelt. Diese wird zum Beispiel in Sprühtrocknungsanlagen eingesetzt, die in der Nahrungsmittelproduktion häufig vorkommen. In so einer Anlage gilt es, in Batchbetrieben mit verschiedenen Produkten Kreuzkontaminationen zu verhindern. Um die unterschiedlichen Produkte nicht mit Spuren anderer zu verunreinigen, haben wir die Berstscheiben so konstruiert, dass Produktablagerungen verhindert werden keine Ablagerungen vorhanden sind und eine effektive CIP-Reinigbarkeit gegeben ist. Weltweit sind wir der einzige Hersteller, der eine EHEDG-Zertifizierung für die komplette Berstscheibe bekommen hat.

Um auf den Vergleich mit dem Airbag zurückzukommen: Diese sind heutzutage so im Auto verbaut, dass man sie gar nicht sieht und diese Idee haben wir auch bei unseren Produkten verfolgt: Man soll sie wirklich nur spüren, wenn sie auch gebraucht werden. Rembe ist als Hersteller von Berstscheiben groß geworden. In den 70er und 80er Jahren war das das maßgebliche Geschäft. Dann hat man festgestellt, dass der Explosionsschutz durch Berstscheiben allein, also die Explosionsdruckentlastung, nicht alle Probleme für den Kunden lösen kann. Weil konstruktiver Explosionsschutz nicht darin besteht, dass man nur eine Berstscheibe einbaut und den Druck entlastet, sondern explosionstechnische Entkopplung einsetzen muss, haben wir das Portfolio konsequent weiterentwickelt.

2. Vorspeise

LMV-online.de: Welches ist Ihr persönliches Highlight am Rembe Stand?
Ich habe zwei ganz persönliche Highlights hier bei uns am Stand. Das erste ist die Mannschaft! Seien wir ehrlich: Die Explosionsschutzprodukte sind scheinbar alle vergleichbar, auf den ersten Blick gibt es keine großen Besonderheiten: Das Löschpulver ist immer Natriumbicarbonat, eine Berstscheibe ist immer aus Edelstahl, eine Dichtung ist immer aus Silikon oder aus dem entsprechend gewünschten Werkstoff, den der Kunde einsetzen möchte. Eine Berstscheibe dient der Druckentlastung. Aber wir setzen darauf, dass unsere Produkte so wenig wie möglich auffallen und den Prozessablauf möglichst wenig stören. Wir schaffen mit unserem Team den Unterschied, denn unsere Mitarbeiter bieten unseren Kunden ein Gesamtpaket aus Service und Anwendungswissen, basierend auf Erfahrungen bei der Implementierung der Systeme samt einer risikogerechten Dimensionierung. Da bin ich auf unsere Mannschaft sehr stolz. Die gleiche Leidenschaft, die die Kollegen nach draußen tragen, lassen sie die Besucher hier am Stand spüren. Ich bin davon überzeugt, es liegt nicht nur daran, dass wir hervorragende Produkte haben, sondern jeder Einzelne weiß: Mit unserer Arbeit sind wir wie die Feuerwehr – wir können Leben retten.

Als zweites habe ich hier am Stand ein Produkthighlight. Das ist die neuentwickelte explosionstechnische Entkopplung „Q-Bic“. Es wird eingesetzt, um als Löschmittelsperre die Ausbreitung einer Explosion von einem Anlagenteil in den Anderen zu unterbinden. Gerade für die Lebensmittelindustrie haben wir hier ein bestehendes Produkt auf extrem gute Art und Weise weiterentwickelt: Hygienische Aspekte und eine gute Handhabbarkeit und Reinigbarkeit wurden in den Vordergrund gestellt. Zum Beispiel setzen wir Haltegriffe ein, die neben der Aufgabe einer vereinfachten Handhabung einen Anschlagpunkt an der Flasche für einen vereinfachten Transport bieten. Gleichermaßen werden aber auch hier hygienische Aspekte abgebildet. Die Anbindung an den Prozess erfolgt über eine spezielle Berstscheibe statt über eine konventionelle Düse. Sie kann hygienisch einwandfrei an den Prozess angeschlossen werden, so dass auch hier ein Maximum an hygienischem Standard erreicht wird.

3. Zwischengang

LMV-online.de: Wir haben Ihr Produktangebot über die vergangenen Jahre beobachtet und festgestellt: Von Jahr zu Jahr erweitern Sie Ihr Portfolio. Produzieren Sie das ganze Sortiment an Komponenten bei Rembe selbst?
Es hat einen einfachen Grund, warum wir unser umfangreiches Sortiment nicht komplett selbst herstellen. Sowohl wir als Unternehmen als auch unsere Kunden haben einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Deshalb konzentrieren wir uns auf unsere Stärken, nämlich das Herstellen von Berstscheiben und anderen Einrichtungen zur Druckentlastung. Selbst in dem neuen Produkt zur Explosionslöschung, dem schon erwähnten Q-Bic-System zur Explosionsunterdrückung, steckt im Prinzip maßgeblich Berstscheiben-Know-How drin. Der Auslösemechanismus wie auch die Düse sind nichts anderes als intelligente Berstscheiben. Aber bei allen weiteren Produkten setzen wir auf die „Rembes der Zukaufteile“.

Nicht jeder kann in allem gleich gut sein: Deshalb arbeiten wir nur mit extrem starken Partnern zusammen, wie der Rico AG im Bereich der explosionstechnischen Entkopplung oder mit Thorwesten, die mit uns gemeinsam eine Explosionsentlastungsklappe entwickelt haben. Diese schließt nach einer Explosion wieder selbsttätig, um Folgebrände, beispielsweise in Ringtrocknern, zu verhindern. Mit Adicos haben wir einen GSME-Melder für die Explosionsfrüherkennung weiterentwickelt, denn wir wollen Explosionsschutz nicht nur dort einsetzen, wo sich Explosionen nicht mehr verhindern lassen, sondern diese wo möglich bereits im Vorfeld vermeiden. Ein Beispiel sind Explosions-Früherkennungsdetektoren, die Glimmnester und heiße Oberflächen in solch einem frühen Stadium erkennen, dass Explosionen verhindert werden können. Und noch ein letztes Beispiel: Mit Grecon haben wir unsere Steuerzentrale der explosionstechnisch aktiven Systeme weiterentwickelt. Eine Vielzahl unserer Kunden aus der Lebensmittelindustrie arbeitet bereits mit diesen Unternehmen zusammen. Mit der Wahl unserer Partner folgen wir entsprechend diesen Industriestandards und erreichen eine hohe Akzeptanz unserer Kunden durch vertraute Produkte.

4. Hauptgang

LMV-online.de: Im November veranstalten Sie zum wiederholten Male die „Rembe Safety Days“. Der Fokus liegt dieses Jahr auf der Lebensmittelproduktion. Sie bringen hier unter dem Motto „Safety without competition“ Marktbegleiter, also Wettbewerber, und Themenexperten an einen Tisch. Was steckt hinter dieser Idee?
Wir konnten mit den großen Lebensmittelherstellern, Getränkeproduzenten und Pharmaunternehmen sehr gute Erfahrungen sammeln. Hier haben wir - statt nur Berstscheiben zu liefern - den Ansatz „Consulting, Engineering, Products & Service“ als Gesamtpaket verfolgt. Immer wieder haben Kunden geäußert, dass eine Plattform zum Erfahrungsaustausch fehlt. Viele haben großes Interesse, sich untereinander als Betreiber, aber auch mit Experten über das sicherheitskritische Thema Explosionsschutz auszutauschen.  Wenn es darum ging, die Explosionsursache herauszufinden, wurde unsere Meinung immer gerne eingeholt, weil wir eine Menge Einblick erhalten. Wir sehen die Auswirkungen von Explosionen auf der ganzen Welt und konnten so ein umfassendes Wissen aufbauen. Aus Compliance-Gründen dürfen wir dieses aber nicht einfach so weitergeben. Deshalb hatten wir die Idee, einfach mal alle an einen Tisch zu holen. Unter dem Motto „Safety does not know competition“ haben wir ein neutrales Forum geschaffen, damit in den Kreisen unserer Kunden ein Austausch zu Themen rund um Explosions- und Brandsicherheit in den Betrieben und deren Implementierung in die Praxis stattfinden kann.

2017 haben wir die ersten Explosion Safety Days für Sprühtrocknung veranstaltet: Da saßen alle großen Hersteller dieser Welt zusammen. Selbst aus Neuseeland und Brasilien sind sie angereist, weil sie den Mehrwert hinter diesem Erfahrungsaustausch erkannt haben. In diesem Jahr haben wir den Schwerpunkt auf die Food- & Beverage-Industrie gelegt. Wir sind besonders froh, beispielsweise den weltweiten Sicherheitschef von Mondelez, Ronald Schmidt, als einen der Keyspeaker gewonnen zu haben. Daneben sprechen Peter Copermans von Anheuser Busch als Vertreter von fast 500 Brauereien und auch Dr. Pablo Lerena von Nestlé als Experte für Sprühtrocknungsanlagen.

5. Dessert

LMV-online.de: Zum Abschluss eine private Frage: Beruflich setzen Sie voll auf Sicherheit - privat lieben Sie den Nervenkitzel beim Bungee-Jumping. Ist das Ihr Kontrastprogramm?
Eigentlich ist Bungee-Springen die konsequente Fortsetzung des Rembe-Mottos „Safety for Life“. Hier überlasse ich nichts dem Zufall. Ich springe wirklich gerne Bungee, denn das ist Nervenkitzel pur. Mir ist aber ganz besonders wichtig, mit einem guten Gefühl zu springen. Da zahle ich lieber mehr mit dem Wissen, dass Sicherheit halt etwas kostet, aber weiß, dass ich auch heil unten ankomme.

Das ist gut vergleichbar mit unserem Tagesgeschäft. Wir sind sicherlich nicht der günstigste Anbieter, das wollen wir auch gar nicht sein. Wir setzen auf Qualität, auch bei den Zukaufteilen. Sicherheit hat ihren Preis. Und wenn man die Kosten bedenkt, die in Folge von Explosionen entstehen können, sind die Investitionen in die Sicherheitstechnik gerechtfertigt.

LMV-online.de: Herr Dr. Ing. Johannes Lottermann, wir danken Ihnen für das Gespräch!
 

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