Geopolitische Krisen, neue Handelsbarrieren und steigende Kosten bremsen den Welthandel. Die deutsche Lebensmittelindustrie kann sich diesem Umfeld zwar nicht entziehen, bewertet ihre Exportperspektiven jedoch weiterhin überwiegend positiv. Das zeigt der aktuelle BVE-AFC-Exportindikator 2026. Olivier Kölsch, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie BVE, betont: „Die deutsche Ernährungsindustrie beweist auch in einem zunehmend unsicheren globalen Umfeld ihre Resilienz und Anpassungsfähigkeit. Unsere Unternehmen erschließen neue Märkte, diversifizieren ihre Absatzstrukturen und reagieren flexibel auf geopolitische Veränderungen. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse aber auch, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland stark unter Druck steht und verlässliche politische Rahmenbedingungen wichtiger denn je sind.“
Lebensmittelindustrie blickt unterschiedlich auf die kommenden Monate
Unternehmen bewerten die aktuelle Geschäftslage auf den Auslandsmärkten weiterhin überwiegend positiv. Trotz einer spürbaren Zurückhaltung im Vergleich zu den Vorjahren bleiben auch die Erwartungen für die kommenden sechs Monate insgesamt leicht optimistisch. Insbesondere die Hersteller von Backwaren, Molkereiprodukten und Süßwaren zeigen sich zuversichtlich. Dagegen fällt die Einschätzung in den Bereichen Öle, Fleisch- und Wurstwaren, Fertiggerichte sowie Feinkost deutlich zurückhaltender aus.
Geopolitische Konflikte bremsen die Lebensmittelindustrie
Die Unsicherheit auf wichtigen Auslandsmärkten nimmt zu. Besonders stark zeigt sich dieser Trend in den Golfstaaten, die in den vergangenen Jahren als attraktive Wachstumsregion für deutsche Lebensmittelhersteller galten. Der Iran-Konflikt hat die Geschäftsaussichten dort jedoch spürbar eingetrübt. Nur noch ein Prozent der befragten Unternehmen erwartet steigende Absätze in der Region. Ein Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 18 Prozent. Auch der US-Markt verliert aus Sicht der Unternehmen an Attraktivität. Die Absatzerwartungen für die Vereinigten Staaten sind auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung gefallen. Damit schwächt sich die Dynamik in einem der bedeutendsten Exportmärkte außerhalb der Europäischen Union deutlich ab.
US-Zölle belasten die Branche
Die Entwicklung in den USA lässt sich inzwischen auch in den Exportzahlen ablesen. Seit den zusätzlichen US-Einfuhrzöllen, die im August 2025 in Kraft traten, haben die deutschen Lebensmittelausfuhren spürbar nachgegeben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verringerte sich die durchschnittliche Exportmenge von monatlich 47.903 Tonnen im Zeitraum März bis Juli 2025 auf 40.745 Tonnen zwischen August und Dezember 2025. Das entspricht einem Rückgang von 14,9 Prozent. Auch die Exporterlöse entwickelten sich rückläufig. Die monatlichen Ausfuhren sanken von durchschnittlich 195,5 Millionen Euro auf 171,2 Millionen Euro und damit um 12,5 Prozent.
Lebensmittelindustrie setzt auf neue Märkte
Viele Unternehmen reagieren auf die veränderten Rahmenbedingungen mit einer breiteren internationalen Aufstellung. Mehr als jedes vierte befragte Unternehmen hat innerhalb der vergangenen zwölf Monate zusätzliche Absatzmärkte erschlossen. Gleichzeitig bleibt die geografische Streuung hoch: 82 Prozent der Unternehmen sind sowohl innerhalb als auch außerhalb der Europäischen Union aktiv. Allerdings steigt der Aufwand für die Markterschließung. Unternehmen berichten von höheren Kosten, komplexeren Anforderungen und längeren Vorlaufzeiten. Förderprogramme des Bundes sollen insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen helfen, neue Märkte schneller zu erschließen und die damit verbundenen Investitionen zu reduzieren.
Freihandelsabkommen schaffen neue Chancen
Trotz der aktuellen Herausforderungen sehen viele Exporteure weiterhin Wachstumspotenzial im internationalen Handel. Große Erwartungen verbinden die Unternehmen insbesondere mit dem geplanten Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten. Darüber hinaus bewerten die Befragten auch bereits bestehende Freihandelsabkommen positiv. Nach ihrer Einschätzung haben zahlreiche Vereinbarungen der vergangenen Jahre dazu beigetragen, Handelsströme auszubauen und neue Absatzmöglichkeiten für die deutsche Lebensmittelindustrie zu schaffen. Anselm Elles, Geschäftsführender Gesellschafter bei der AFC Management Consulting, erklärt: „Die Ergebnisse zeigen ein bemerkenswert differenziertes Bild: Die deutsche Ernährungsindustrie blickt trotz geopolitischer Krisen und zunehmender Unsicherheiten weiterhin mehrheitlich positiv auf ihr Exportgeschäft. Gleichzeitig werden die Unterschiede zwischen einzelnen Märkten und Branchen größer. Erfolgreiche Exportstrategien basieren daher zunehmend auf Diversifizierung, einer sorgfältigen Risikobewertung und der Fähigkeit, sich schnell auf veränderte Rahmenbedingungen einzustellen.“ Die Ergebnisse des Exportindikators unterstreichen damit die Bedeutung offener Märkte und verlässlicher Handelsbeziehungen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Lebensmittelindustrie.